Karl – Beitragsbild

Karl, Klappe die zweite

Letzte Woche beschäftigte ich mich mit der möglichen Umsetzung und der Studie zu den Charakteren. Diese Woche war die Story dran. Also habe ich wieder meine Kreisschablone und den Stift gepackt und bin hinter meinen Zeichentisch gesessen. Text und Zeichnung sind noch nicht kombiniert und beides Entwürfe – also nicht auf Tippfehler achten und es gibt teilweise kleine Differenzen zwischen Manuskript und Zeichnungen. Copyright Text: Gaby Schädler, Copyright Zeichnungen: meine Wenigkeit. Viel Spass beim gucken!

Ich heisse Karl und das sagt alles. Meine Eltern haben mir diesen Namen gegeben, weil der kurz, normal, allgemein bekannt und einfach zum Schreiben ist. Nicht so wie der Name meiner Schwester, die Sarasvati heisst. Meine Eltern wollten ihr den Namen einer indischen Göttin geben, weil sie sich in Indien kennengelernt hatten. Sarasvati ist die Göttin der Weisheit. Um es gleich mal klarzustellen: Meine Schwester hat nichts mit einer Göttin zu tun und das mit der Weisheit….na, ja! Ausserdem versteht niemand diesen Namen.

Bild: Sarasvati, fröhlich. Eine Frau fragt «Sara-wie?»

Sara mit überforderter Frau

 

Ich glaube, meine Schwester musste schon eine Million mal ihren Namen buchstabieren. Am Schluss nennen sie eh alle Sara.

Mir wollten meine Eltern dieses Schicksal ersparen – dachten sie.

Doch wenn ich meinen Namen sage, dann macht es bei den Erwachsenen scheinbar «Klick» und schon denken sie an ein grosses Vorbild, das meinen Namen trägt.

Bilder von Karl der Grosse, Karl Lagerfeld, Karl Marx.

Karl mit Karl dem grossen, Karl Lagerfeld und Karl Marx

Dies sollen meine VORBILDER sein? Jesus sieht nicht bescheuerter aus.

Karl klingt nicht schön. Es klingt hart. Besonders, wenn meine Mutter mich ruft, wenn sie schlechtgelaunt ist. Und das ist sie eigentlich immer.

Mutter vor einem unaufgeräumten Zimmer. «Kaarrrl, räum das auf!».

Mutter vor unaufgeräumten Zimmer

Das, was ich gerade schreibe, ist übrigens ein Tagebuch. Aber kein gewöhnliches, wie es die Mädchen schreiben. Das wäre mir zu doof.

Mädchen mit ihrem Tagebuch «Ich liebe mein Pony» Pony mit rosa Schleifchen.

Mädchen mit Tagebuch «Heute haben Eva und ich Mutters Makeup ausprobiert»

Mädchen mit Tagebuch

Mein Tagebuch ist ein SCHICKSALSBUCH. Darin soll alles stehen, was ich erleiden muss. Vielleicht sterbe ich ja früh an Kummer und dann ist es gut, wenn ich ein Tagebuch hinterlasse. Es heisst BLACK BOX. So wie die Black Box bei Flugzeugabstürzen. Die suchen die Unfallexperten immer zuerst. Daraus kann man erfahren, warum das Flugzeug abgestürzt ist.

Ein Sarg, trauernde Leute. Warum musste er so früh von uns gehen?  Der Pfarrer «Hat es tapfer ertragen …»

Karls Beerdigung

Oder ich überlebe das alles. Dann sollen die Leute sagen: «Per asperam ad astras». Das ist Latein und steht auf der Zigarettenpackung meines Vaters. Es soll heissen: Wenn du dich durchkämpft, kommst du zu den Sternen.

Karl auf  der letzten Stufe einer Himmelsleiter vor einem netten Engel. Vater auf der ersten Stufe der Leiter am Husten, eine Kippe zwischen den Fingern.

Karl auf der Himmelstreppe

Mein Vater wird es nicht bis in den Himmel schaffen…

Dieses Buch hilft mir, die schlechten Tage meines Lebens zu ertragen. Ich nenne sie die Rosenkohltage. Ich hasse Rosenkohl. Die guten Tage, das sind Gummibärchentage, aber von denen gibt es leider nicht so viele.

Liste Gummibärchentage: wenige Striche
Liste Rosenkohltage: viele Striche.

Gummibärchen- und Rosenkohltage

Heute war Rosenkohltag. Die Ferien sind vorbei, die Schule hat wieder begonnen. Da hatte meine Mutter DIE TOLLE IDEE: «WIR könnten doch noch deine Ohren reparieren». Dabei waren die gar nicht kaputt, nur etwas abstehend. Sie sagte: «Dann bekommst du in der neuen Schule nicht schon wieder einen Übernamen».

Karl mit abstehenden Ohren, am Fliegen und alle, die ihn auslachen: FLEDERMAUS!

Karl die Fledermaus

Vater war gar nicht ihrer Meinung und natürlich gab es wieder Streit.

Vater: Willst du einen Jungen, der aussieht wie alle anderen?

Kinder in einer Reihe, mit demselben Haarschnitt, demselben Lächeln. Karl mit schiefen Zähnen und abstehenden Ohren.

Mutter: Ich will einen hübschen Jungen.

Karl der Hässliche

Aha, da hatten wir es: Meine Mutter fand mich also hässlich.

Mein Vater fand mich EINZIGARTIG. «Du bist einzigartig», witzelte meine Schwester. «Auf alle Fälle hofft das die ganze Menschheit». Päng, der sass.

Natürlich dauerte der Widerstand meines Vaters wie immer ungefähr so lange wie er furzt. Oder, um es etwas poetischer auszurücken, wie der Flügelschlag eines Schmetterlings. Lustig, was ich da gerade herausgefunden habe: Der Flügelschlag eines Schmetterlings und ein Furz dauern gleich lang. Meine Mutter bekommt IMMER Recht, weil mein Vater nicht gerne streitet und deshalb immer nachgibt.

Vater in devoter Haltung und Denkblase: Der Klügere gibt nach.

Der Klügere gibt nach

Wenn alle Klügeren nachgeben, dann bleiben immer die Idioten.

Und in dem Fall war es eine Dummheit, meiner Mutter nachzugeben. Am ersten Schultag hatte ich zwar keine abstehenden Ohren mehr, sondern: GAR KEINE OHREN.

Karl mit Pflastern auf beiden Ohren. Die Lehrerin: Das ist Karl, euer neuer Mitschüler. Wir heissen ihn herzlich willkommen. Er hatte eine kleine Operation. Gebt Acht auf seine Ohren.

Denkblase eines Schülers in der hintersten Reihe: Karl bekommt einen Ball aufs Pflaster.

Karl vor der neuen Klasse

Und schon waren wieder die Ohren das wichtigste Teil von mir.

Danach stellten meine Mitschüler Fragen. Natürlich kam nicht die übliche Frage: „Woher kommst du? Wann hast du Geburtstag? Hast du eine Freundin?-2 Nein, es kam die Frage, die ich am meisten fürchtete:

Was für eine Operation hattest du?

Die böse Frage

Ich wollte gerade die Antwort geben, die ich mir lange überlegt hatte, da rief

einer aus der hintersten Reihe: «Bestimmt eine SCHOENHEITS-OP!». Alle lachten. Dieser Junge heisst TIM. Er muss einer der Beliebten sein, denn sonst hätten nicht alle wegen einer solchen idiotischen Bemerkung gelacht. Ich suchte in meinem Kopf  nach einer witzigen Antwort – vergeblich.

Karl mit einer Denkblase. Die ist leer.

Doch da geschah ein Wunder. Ein Mädchen sagte zu Tim: DU hättest ein paar Schönheits-Operationen nötig. Ich fand das ziemlich lustig. Vielleicht war sie ja eine neue Freundin.

KARL am Lachen: HAHAHA.

Karl am Lachen

Doch leider fand das ausser mir niemand lustig. Scheinbar ist das Mädchen nicht eine der Beliebtesten.

Ganze Klasse : haaaahaaaahaaa (mit unbeteiligten Gesichtern)

Stille Klasse

Sie heisst EMMA und wird wohl besser nicht meine Freundin.

In der Mathestunde war es leicht. In meiner alten Schule hatten wir diese Aufgabe schon gelöst und ich wusste die Lösungen noch auswendig.

In der Pause war ich sofort von allen umringt. Zwei Mädchen, LIV und ZOE, wollten wissen, warum ich so schnell rechnen könne. Ich zuckte mit den Schultern und sagte, dass es doch einfach sei. Ich fühlte mich für einmal richtig COOL. Etwas können, ohne sich anzustrengen gilt auch hier als cool.

Nach der Pause kam Rechtschreibung. Die war wie immer: UNNOETIG, LANGWEILIG, ÄZEND (Schreibt man das überhaupt so?)

Meine NICHTFREUNDIN Emma ist scheinbar eine Streberin. Sie meldet sich dauernd und ihre Antworten stimmen. Wie meine Schwester. Die kann auch jedes Wort richtig schreiben. Ich frage mich manchmal, warum Mädchen das können. Die müssen einen RIESENANTEIL Speicher im Hirn verbrauchen, um sich die Schreibweise von hunderttausend Wörtern merken zu können. Wir Jungs verbrauchen unser Hirn lieber für Nutzbareres. Z.B. für coole Automarken, die besten Fussballer, Computergames.

Beim Schreiben finde ich die Ideen viel wichtiger. Du musst eine spannende Geschichte schreiben können. Vielleicht werde ich mal Schriftsteller. Dann schreibe ich von richtigen Helden, die mutig und tapfer gegen böse Mächte kämpfen und am Schluss eine Prinzessin retten.

Karl mit Supermann-Cape und Schwert, hält einer Prinzessin die Steigbügel.

Superkarl mit Prinzessin

Nach der Schule ging ich mit meiner Nichtfreundin EMMA nach Hause.

Emma: Wir haben denselben Nachhauseweg

Karl und Emma

Eigentlich war ich froh, denn vielleicht hätte ich den Weg gar nicht mehr gefunden.

 

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